Archiv für den Monat: Oktober 2015

Die zufällige Begegnung von Geschirrspüler und Radiowecker auf einem Animiertisch

Wir blicken aus dem Fenster, unter welchem die Hauptstraße Richtung Mainz Mombach verläuft, und sehen Industrie. Resedagrüne Tanks stehen wie Spielzeuge drappiert nebeneinander und ragen in die Nacht. An den runden Seiten dieser übergroßen Zylinder, findet ein systematisches Gewirr aus verchromten Rohren Halt, an ihnen wiederum unser schweifender Blick. Wir hangeln uns von Kessel zu Kessel, über diverse Silos und Kästen hin zu einem Gebäude aus gelbem Sandstein, das die Mehrzahl jener silbernen Linien empfängt. Unser Blick klettert mit ihnen zusammen auf das Dach, auf welchem eine skurile Collage weiterer Behältnisse, verschiedenster Trichter und Schläuche thront. Was so verwachsen, nur einen Steinwurf weit entfernt, vor uns emporrankt, und von einer verwitterten Mauer aus rotem Backstein nahezu drollig umfriedet wird, ist die auf Methanol-Derivate spezialisierte Chemiefabrik, mit heutigem Namen Ineos-Paraform, deren Bestehen auf das Jahr 1865 zurückzuführen ist.

ineos-paraform-totale_

 

Im Hintergrund dieses ungetümen Konstruktionsmachwerks, stehen qualmend die Schornsteine des Glasfabrikanten Schott und blasen die Hitze schmelzenden Sandes in den Himmel. Kurzum ein Ort der Arbeit samt seiner Ästhetik liegt ausgebreitet vor uns. Unser Blick kehrt zum Vordergründigen zurück und folgt nun den zwei, im Umfang und Glanz auffälligsten aller versammelten Edelstahlrohre: an verrosteten Kesselwagen vorbei, die auf alten Schienen vergeblich auf ihre Befüllung warten, entwinden sie sich dem restlichen Knäuel, gleiten über einen großen Vorplatz und beugen sich, wie zum Schulterschluß, über die einsame Bushaltestelle Mainz Phönixhalle hinweg, zu uns herüber. Auf dieser Seite der Straße liegt die „Alte Waggonfabrik“. Bereits im 19. Jahrhundert als Industriefläche angelegt, funktioniert das Gelände heutzutage als Gewerbepark, auf welchem mittelständische Betriebe, Zolldepots, Veranstaltungshallen, sowie Ateliers und Musikstudios ihren Sitz haben. Dieses freudige Miteinander jedoch hat einen langen Weg hinter sich, Eisenbahnwaggons sind ein kleiner Teil davon.

Das Treppenhaus in welchem wir soeben stehen, gehört zum ehemaligen Verwaltungsgebäude dieses Geländes und aus dem alten PVC, das seit den 1950er Jahren nicht gewechselt wurde, strömt jedem Besucher, bei jedem Schritt der sonderbare Geruch deutscher Nachkriegsgeschichte entgegen. Grund ist die Indienstnahme, dieser weitgehend vom Kriegswüten verschonten Lokalität durch die Amerikanischen Streitkräfte, welche bis in die frühen 1990er Jahre vor Ort die größte, außerhalb der Vereinigten Staaten stationierte Panzerfabrik unterhielten.

In: www.usarmygermany.com/units/ordnance/usareur_mainz od.htm

Die zuständige Kommandantur also, schritt in gewohnt militärischer Gelassenheit über eben jenes PVC auf dem wir als Nachmieter unserem Tagesgeschäft nachgehen. Die Bezeichnung Waggonfabrik bleibt angesichts dieser Historie als blanker Euphemismus stehen. Heute vibrieren die Wände im Takt elektronischer Beats, sowie dem Lärm unserer Bohrmaschinen, Kreisägen und Hammerschläge; gleich mehrere Musikstudios sind neben unserer Stop-Motion Werkstatt in den ehemaligen Funktionärbüros fest installiert.

Der dunkle, von der Decke rieselnde Ruß in einer benachbarten Halle, in welcher die LEGO Group bis vor kurzem den mitteleuropäischen Hauptsstandort für Messebedarf führte, sorgte für aufwändige Abdeckarbeiten der Lebensgroßen LEGO-Plastiken. Es war der Produktionsschmutz, der sich bei der Herstellung von Panzerteilen an den Wänden abgelagert hatte.

fenster-empore

Umständen wie diesen sind wir nicht ausgesetzt, im Gegenteil, der Geist dieser Räumlichkeiten, kommt jedem einzelnen Projekt entgegen, nur dass die Disziplin der heutigen Nutzer dieser Schaltzentrale einem pazifistischen Dienst verpflichtet ist, der Kunst.

Es stellt sich die Frage, welch anderer Ort als geeigneteres Arbeitsumfeld einem Projekt mit diesen Ambitionen gerechter werden könnte, als eine ehemalige Panzerfabrik – in welchem philosophische Dilemmata über Schöpfung, die Determination von Gut und Böse, sowie Fragen nach der eigenen Existenz und des eigenen Willens zur Debatte gestellt werden. An welch anderem Ort wäre es plausibler, dass der Protagonist Fredelius von einer unbestimmten Kraft zum Leben erweckt wird und eine abenteuerliche Heldenreise auf der Suche nach Antworten auf eben diese elementaren Fragen beginnt?

setbau-gegenstände-transformation

So wird das Setting des Films zum Spiegel der Umgebung in der wir uns befinden, und umgekehrt, wir bauen im Kleinen nach, was uns als Großes umgibt. Eine Schurkenbasis die hier als Set gebaut wird, betritt fraktale Dimensionen, sowie sie selbst aus ihnen entspringt: Jeder Erholungsspaziergang über das Gelände wurde dank der vielen Abfallcontainer zu einem großangelegten Akt des dumbster-divings: was sich tragen ließ, wurde zurück in der Werkstatt nach dem Prinzip des upcyclings zu einem neuen Bestandteil des production design. Wie Phönix aus der Asche, bekam als solcher deklarierter Abfall, eine neue Funktion, eine neue Identität.

Anstatt Gegenstände originär nach realem Vorbild aufwändig herzustellen, restaurierten und modifizierten wir Müll und Schrott nach unserem Gusto. Wir haben Geschirrspülmaschinen, Kaffeevollautomaten, Radios, Mixer und Computer ausgeschlachtet und die einzelnen Teile in eine neue Form und ein neues Gefüge gebracht, deren neues Antlitz den Look des Filmes und dessen Immersion in eine nichtgeahnte Ästhetik bringen wird.

emporenseite-mit-tanja-und-chris-work-in-pogress

Zwischen den Schenkeln der uns umgebenden Industrie eingeklemmt, bisweilen eingekesselt, versuchen wir das höchstmögliche Maß an Inspiration herauszupressen. Die Bauphasen sind weit fortgeschritten, sodass die eigentliche Filmarbeit in Bälde begonnen werden will.

Hochachtungsvoll
Die Kommandantur von

DER TOD DES FILMEMACHERS

Text: Philipp Ulita
Fotographie: Regine Koch, Cornelius Koch